Genetik
Hereditäre Hämochromatose
1996 wurde ein Gen identifiziert, das für die weitaus häufigste
Form von Hämochromatose (Typ1) verantwortlich ist. Dieses
auf dem Chromosom 6 liegende Gen wird HFE-Gen genannt. Hereditäre
(=erbliche) Hämochromatose vom Typ 1 wird in autosomal-rezessivem
Erbgang vererbt. Dies bedeutet, dass Hämochromatose
nur dann entstehen kann, wenn die Genkopien (Allele) von
Vater und von der Mutter beide verändert sind, also
beide Allele mutiert sind. Hierbei können beide Allele
diesselbe Mutation (homozygot) oder verschiedene Mutationen
in Kombination (kombiniert-heterozygot) aufweisen.
Es gibt zwei häufige HFE-Mutationen: C282Y und H63D.
Die Mutation C282Y ist wohl keltischen Ursprungs und daher
bei Menschen mitteleuropäischer Abstammung verbreitet.
Eventuell sind alle Menschen mit dieser Mutation Nachfahren
eines einzigen Kelten. H63D ist eine sehr häufige Mutation,
welche nicht nur bei Menschen mitteleuropäischer Abstammung
vorkommt. 80% der Hämochromatose-Patienten sind homozygot
für die Mutation C282Y.
5% der Betroffenen sind kombiniert-heterozygot für
C282Y mit H63D.
Menschen bei denen nur auf einem der beiden Allele eine
Mutation nachweisbar ist (heterozygot), haben noch ein unverändertes
Allel. Sie erkranken daher in der Regel nicht.
10-20% der Normalbevölkerung sind solche symptomfreien
Genträger.
Übersicht über Genkonstellationen bei Hämochromatose
(Typ 1)
C282Y homozygot
- 80% der Betroffenen von Hämochromatose in Mitteleuropa
haben die Mutation C282Y in homozygoter Form.
C282Y +H63D kombiniert heterozygot
- Weniger häufig ist Hämochromatose durch die Kombination
von zwei heterozygot vorliegenden unterschiedlichen HFE-Mutationen,
C282Y heterozygot kombiniert mit H63D heterozygot. 5%
der Hämochromatosebetroffenen weisen diese Konstellation
auf. Meist ist die Eisenüberladung weniger ausgeprägt
als bei Homozygotie für C282Y.
H63D homozygot
- Selten bis nie führt eine homozygote Mutation für H63D
zu Hämochromatose. Die Eisenüberladung ist meist nicht
sehr ausgeprägt.
C282Y heterozygot oder
H63D heterozygot
- 10-20% der Normalbevölkerung sind symptomfreie Genträger
für C282Y oder H63D. Hämochromatose-Mutationen sind sehr
häufig.
- Bei Hämochromatose-Patienten mit heterozygoter C282Y
Mutation sind zusätzlich begünstigende Faktoren wie z.B.
Alkoholmissbrauch oder zusätzliche seltene Mutationen
vorhanden.
- Meist sind Vater und Mutter eines homozygot Betroffenen
jeweils heterozygot für die Mutation, also selbst nicht
erkrankte Träger eines veränderten Gens.
Wissenswertes
- Die Genkonstellation homozygot für die eine Hämochromatosemutation
und zugleich homozygot oder heterozygot für die andere
(homozygot für C282Y + heterozygot oder homozygot für
H63D) kommt wohl aufgrund der benachbarten Lage auf dem
Chromosom 6 nicht vor.
- Manchmal sind weitere HFE-Mutationen (S65C, E168X) für
Hämochromatose Typ1 (mit-)ursächlich.
- Bei 10% der Hämochromatosepatienten in Deutschland lassen
sich keine HFE-Mutationen finden.
- Nur ungefähr 10%-50% der Menschen mit genetischer Krankheitsdisposition
bekommen ohne Behandlung tatsächlich das Vollbild der
Erkrankung Hämochromatose. Modifizierende Faktoren für
die Krankheitsausprägung könnten Genmutationen, Alkoholmissbrauch,
Fettleibigkeit und Ernährungsgewohnheiten sein. Hämochromatose
Typ 1 wird daher zunehmend als eine multifaktorielle Erkrankung
angesehen: Zusätzliche Faktoren bestimmen mit, ob es zum
Vollbild der Erkrankung kommt oder nicht.
Neben der beschriebenen häufigen Form der Hämochromatose
(Typ 1, Gendefekt auf Chromosom 6 im HFE-Gen) gibt es noch
weitere seltene Hämochromatose-Typen:
Weitere seltene erbliche Typen der Hämochromatose sind
u.a.
- Typ 2A juvenile Form, Gendefekt auf Chromosom 1 im Hemojuvelin-Gen,
Erbgang autosomal-rezessiv
- Typ 2B juvenile Form, Gendefekt auf Chromosom 19 im
Hepcidin-Gen, Erbgang autosomal-rezessiv
- Typ 3 Gendefekt auf Chromosom 7 im TFR2-Gen, gehäuftes
Vorkommen in Italien und Portugal, Erbgang autosomal-rezessiv
- Typ 4 Gendefekt auf Chromosom 2 im Ferroportin-Gen,
gehäuftes Vorkommen in Italien, Erbgang autosomal-dominant
Desweiteren kann es im Rahmen verschiedener Erkrankungen
zu erworbener behandlungsbedürftiger Eisenüberladung kommen.
Diese Form der Hämochromatose wird sekundäre Hämochromatose
genannt.
Mögliche Ursachen für sekundäre Hämochromatose
- Bestimmte Anämien (z.B. Thalassämia major, sideroblastische
Anämie)
- Chronische Lebererkrankungen (z.B. NASH=nichtalkoholisch
bedingte Fettleberhepatitis, alkoholbedingte Lebererkrankung,
chronische Hepatitis)
- Erhöhte Eisenzufuhr (z.B. metabolisches Syndrom, Ernährungsgewohnheiten,
Bluttransfusionen)
Koinzidenz-auffälliges Zusammentreffen mit anderen Erkrankungen
Auffallend häufig ist die genetische Anlage für Hämochromatose
Typ1 bei Menschen, die unter Porphyria cutanea tarda leiden,
einer Störung des Porphyrin-Stoffwechsels.
Auch bei Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) scheint Hämochromatose
gehäuft aufzutreten. Bei Zöliakie besteht oft Eisenmangel.
Zöliakiepatienten mit unentdeckter Disposition für Hämochromatose
weisen daher anfänglich meist einen "erfreulich" normalen
Eisenspiegel auf.
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